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Péter Gárdos, Fieber am Morgen          

Hoffmann und Campe

 

Eine Liebesgeschichte wie sie im Buche steht! Und dabei ist sie nicht mal erfunden. –

Als junger Mann überlebt Miklós das KZ Bergen-Belsen, abgemagert und todkrank, man gibt ihm keine Überlebenschancen.

Trotzdem wird er am Ende des Krieges, wie tausende andere Überlebende 1945 ins Ausland gebracht, um aufgepäppelt zu werden.

Miklós stirbt fast schon auf der Überfahrt nach Schweden, aber er ist jung, er will nicht zurück schauen auf all die Gräueltaten, die er erlebt und miterlebt hat. Er will leben. Und, wichtiger noch, will er lieben. Und das erzählt er auch seinem schwedischen Arzt und Vertrauten Doktor Lindholm. Dieser will ihn gerne unterstützen, doch ist er sicher, dass Miklós innerhalb der nächsten sechs Monate sterben wird und genau das sagt er ihm auch.

Trotzdem entschließt Miklós sich, an 117 Mädchen aus seiner Heimat, die sich gerade, wie er, in Schweden aufhalten, den immerzu selben Brief zu schreiben. Er stellt sich vor, dass er auf diese Weise seine große Liebe finden könnte…

Und so wird es kommen: Die achtzehnjährige Lili schreibt ihm und es ist „Liebe auf den ersten Brief“.

Ein halbes Jahr lang werden die beiden sich schreiben, irgendwann treffen sie sich das erste Mal, heiraten bald und später, als sie kräftig genug sind, reisen sie zurück in die Heimat, nach Ungarn und gründen eine Familie.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass nicht zu viel verraten ist, denn das Buch wurde von Miklós Sohn Peter geschrieben. Er wurde 1948 in Budapest geboren und wurde Regisseur. Nach dem Tod seines Vaters 1998 (!) gab seine Mutter ihm den erhaltenen Briefwechsel…

So etwas kann man sich nicht ausdenken, so spielt nur das Leben!

Gárdos schreibt warmherzig und liebevoll über seine Eltern, die ihm offenbar ein gutes Leben geben konnten. Als Leser hofft, fiebert und bangt man mit den beiden jungen Protagonisten und freut sich schon von der ersten Seite an auf das Happy End.

 



Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken                   

Kein und Aber,

 

Würden Sie wegfahren, wenn Sie bei dunkler Nacht in der israelischen Wüste einen Mann überfahren hätten, der zweifelsfrei sterben wird?

Nein?

Würden Sie es tun, wenn der Überfahrene ein illegaler Eritreer wäre, den vermutlich sowieso keiner vermisst?

Dieser Frage sehen Sie sich ausgesetzt, wenn Sie Ayelet Gundar-Goshens neues Buch lesen.

Etan, Neurochirurg, mit sehr hohem Moralanspruch, überfährt nach einer 16-Stunden- Krankenhaus-Schicht, in der er Verkehrsunfall-

opfer rettete, einen Illegalen mit seinem Jeep in der Wüste und begeht Fahrerflucht. Am nächsten Tag muss er feststellen, dass er gesehen wurde: Die Ehefrau des Überfahrenen hat ihn gesehen und erpresst ihn nun: Er soll in einer alten Autowerkstatt die illegalen Einwanderer behandeln.

Da er keine Wahl hat, behandelt er fortan nachts Flüchtlinge in der Werkstatt und lügt sich tagsüber sowohl bei seiner Ehefrau als auch in der Klinik ein paar freie Stunden zusammen.

Dass das nicht gut gehen kann, ist klar. Erschwerend kommt hinzu, dass Etans Frau Liat Kommissarin ist und sich mit dem Fall der Fahrerflucht beschäftigt…

Die Verstrickungen sind komplex und während des Lesens kann man sich nicht vorstellen wie sie aufgelösten werden sollen. (Doch keine Sorge, in einer Art rasantem Krimi löst Ayelet Gundar-Goshen diesen unglaublichen Plot auf und überrascht den Leser dabei mehr als ein Mal.)

Doch das ist lange nicht alles: Die Autorin fordert uns durchaus vielschichtig heraus. In diesem Roman gibt es kein Schwarz-Weiß, keine einfachen Lösungen, keine Klischees. Jede Person begeht Fehler und macht sich -zumindest moralisch- strafbar. Der Plot ist unglaublich verflochten und dabei so mühelos lesbar, so dass das Buch niemanden unberührt zurücklassen wird.

Interessant ist, dass man sich durchaus mit Etan, Liat und auch mit Sirkit (der erpressenden Witwe) identifizieren kann, eben weil das Buch nicht plakativ ist.

Die Sprache ist eine wunderbare, voller Bilder und Wendungen, die man am liebsten sofort notieren möchte.

Meine Empfehlung: Wenn Sie in diesem Jahr nur ein Buch lesen möchten, dann lesen Sie „Löwen wecken“!